Ich hatte einen Traum. Ich sass bei einem Tätowierer, um mir mein allererstes Tattoo stechen zu lassen. Im Wartezimmer studierte ich die Alben mit den Sujets, welche der Tätowierer anbot. Es waren ausschliesslich Bilder von Hammershøi. Keine Eulen oder Anker oder was man sich sonst noch gerne auf der Haut verewigen lässt. Nur Hammershøis. Der Tätowierer fragte mich, welches Sujet es denn sein soll, in seiner Hand surrte die Tätowiernadel, er schien ungeduldig. Welches Bild? Das war gar nicht so einfach zu sagen, auf die Schnelle, weil mir alle Hammershøis gefielen.
Ich könne mich nicht entscheiden, sagte ich zum Tätowierer, am liebsten hätte ich alle. Das liesse sich machen, meinte er, aber es würde wohl eine Weile dauern – und teuer werden. Ich zog mein Portemonnaie aus der Tasche, blickte hinein, sah ein paar Münzen. «Das reicht dann wohl bloss für ein Kleinformat», sagte er wenig euphorisch und verdrehte die Augen.
«Die Hofecke von 1883», sagte ich ihm schliesslich. «Weshalb denn dieses Bild», wollte der Tätowierer wissen. Das habe er bis anhin noch überhaupt nie stechen müssen, das sei das unscheinbarste der unscheinbaren Bilder von Hammershøi. «Gerade deshalb ist es mein Lieblingsbild!», erwiderte ich. Und ich erzählte ihm die Geschichte, wie ich einst einen anderen Künstler kennenlernte, der zu einem meiner Favoriten wurde, Peter Piller aus Deutschland. Ich sagte: «Wissen Sie, angefangen hat Peter Piller seine künstlerische Arbeit während des Studiums mit dem, was er Peripheriewanderungen nennt; etwas, das er auch heute noch liebend gerne macht. Er umwandert Städte oder etwa das ganze Ruhrgebiet in 31 Tagen.
Entlang den Besiedlungsgrenzen verlaufen seine Routen, den letzten Dingen gilt sein Interesse: Er dokumentiert mit dem Fotoapparat und dem Bleistift letzte Strassen, letzte Häuser, dort, wo die Dinge aufhören, bevor andere wieder anfangen. Und irgendwann will er das Foto machen, auf dem niemand mehr erkennen kann, worum es eigentlich geht, weshalb es gemacht wurde. Ein Bild, dessen Sinn sich nicht nach dem ersten Blick erschliessen wird – auch nicht nach dem zweiten. Ein Bild für den sechsten, siebten Blick. Daran erinnert mich Hammershøis ‘Hofecke’. Es ist die Sensation des Unspektakulären, die mich zutiefst anspricht.»
«Genug gequasselt», sagte der Tätowierer und wies mit einem Nicken zu einem zahnarztstuhlartigen Sessel. Ich nahm Platz. «Und wo soll die ‘Hofecke’ hin?», murmelte er. Gute Frage!
Max Küng